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Pippo Pollina - Pressestimmen

Die Rheinpfalz - Kultur Regional - Kaiserslautern, 07. Juni 2010

Am 27. Juni 1980 reißt ein Flugzeugabsturz vor der Küste Siziliens 81 Menschen in den Tod - darunter 30 Kinder. Diese Katastrophe bildet den Hintergrund des Oratoriums "Ultimo Volo - Der letzte Flug" von Pippo Pollina. Am Freitag und Samstag führte der bekannte sizilianische Liedermacher das großartige Werk in der Kammgarn auf. Mit dabei waren 23 Streicher des Pfalztheaters, das "Palermo Acoustic Quartet" sowie drei Sprecher.

Pollina bietet eine emotionsgeladene Interpretation. Bereits im Vorspiel werden die Zuhörer an die dramatische Handlung herangeführt. Pollinas einfühlsames Spiel am Piano, die fulminanten Streicher sowie Gaspare Palazzolos Sopransaxofon erzeugen eine tiefe Ausdrucksintensität, eine "gesungene" Expressivität, gleichzeitig aber auch eine tiefe Melancholie, die sich wie ein großes, unsichtbares Tuch über die Seele legt.

Und noch etwas wird von Anfang an klar: "Ultimo Volo" ist ein Stück Trauerarbeit. Was damals vor 30 Jahren wirklich geschehen ist, berichtet Sprecher Günter Brombacher  (Theaterhaus Stuttgart) aus der Sicht des Flugzeugs. In poetischer Sprache erzählt er von seiner Erfahrung bei über 9000 Flügen, es schwärmt vom unbeschwerten Fliegen. Doch dann, an diesem verhängnisvollen Tag kommen fremde Flugzeuge immer dichter an es heran. Wir hören von dem tragischen Absturz, von den Jahren auf dem Meeresgrund und schließlich von seiner letzten Reise bis ins Museo Per La Memoria in Bologna. Das Flugzeug reflektiert aber auch die Gedanken und Gefühle der Hinterliebenen, für die das Wrack mehr ist als nur ein Symbol, sondern ein Ort, an dem sie ihre Träume ablegen können. So ist "Ultimo Volo" auch ein Plädoyer gegen das Vergessen und für die Wahrheit.

"Manche sagen, wir seien Träumer", sagt Anne Osterloh (Theaterhaus Stuttgart)  im Dialaog mit Holger Kraft. "Irgendwo auf dem Meeresgrund liegen die Toten. Aber für mich sind sie lebendig." Von den Rezitatoren erfährt der Zuhörer von dem bis heute währenden Kampf der Angehörigen um Aufklärung der Katastrophe. Die schleppenden Ermittlungen bieten Stoff für Verschwörungstheorien. Jede Spur hat man vernichtet, Radaraufzeichnungen gelöscht. Wichtige Zeugen - wie zuletzt zwei Piloten, die als Mitglieder der italienischen Kunstflugstaffel "Frecce Tricolori" 1988 die Katastrophe von Ramstein auslösten - sind gestorben. Letztlich ist der Unglückshergang bis heute nicht geklärt.

Zur Umsetzung seines Konzeptes kann sich Pollina mit den Streichern des Pfalztheaters und dem "Acoustic Quartet" auf zwei erstklassige Ensembles verlassen, die keinen Augenblick enttäuschen.

Mit seinem eindringlichen Gesang, der sich zu ekstatischer Reinheit und ungezwungener Klarheit aufschwingt, gibt Pollina dem Schmerz eine Stimme. Wobei er sich mit Brillanz am Klaiver begleitet. Mit einer schier unendlich langen Elegie imitieren die vorzüglichen Streicher den letzten Flug, geraten in Disharmonieren, während Palazzollo sein Horn so heftig auswringt, dass die Töne sich nur noch so herausquälen. Schicht um Schicht werden die Canzones intensiver, wenn sich eine Instrumentengruppe nach der anderen zur in Noten geschlagenen Schwermut dazu gesellt. An Dichte ist diese Musik kaum zu übertreffen.

Die Streicher ( unter Willy Honegger) spielen auf den Punkt genau, bei makeloser Intonation und Phrasierung. Von Canzone um Canonze wird die Musik eindringlicher, bis sie im letzten Stück in einem einzigen ewig langen Crescendo gipfelt.Das "Acoustic Quartet" und die Streicher scheinen sich an Expressivität gegenseitig übertreffen zu wollen. Das Klangbild ist fasziniernd. Harte Schläge des Schlagzeuges Walter Keiser mischen sich dazu. Palazzollo überzieht sein unterkühltes Spiel zusäztlich mit einer Schicht dünnen Eises, das wie der Iglu eines Eskimos, dennoch wärmt.

Und Pippos Stimme wird zur Klage der Trauernden, zum Schrei nach Gerechtigkeit, aber auch zur Stimme der Hoffnung und Zuversicht. Eine emotionale Steigerung scheint kaum vorstellbar. Musik ohne Grenzen, ohne Kompromisse.

Sekundenlang bleiben die Besucher am Ende regungslos sitzen, dann springen sie auf und spenden lang anhaltenden, begeisterten Beifall.

von Walter Falk

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